Jule Harder

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Paternoster: Ausstellung mit Werken von Anna-Sabine Harder im Lübecker Dom
Lübecker Nachrichten, 2000

LÜBECK - Die ehrwürdigen Domherren, die seit Jahrhunderten an den Säulen der alten Lübecker Bischofskirche hängen, haben Gesellschaft bekommen. Unter dem Bildnis des Augustus Joachimus Wendt zum Beispiel hängt ein Gemälde mit dem Titel "Zwei rote Kappen". Hagere Gestalten in vorgerücktem Alter disputieren; womöglich über die gleichen Fragen, die den Prediger bewegten: Woher - wohin, zentrale Fragen der Menschheit. "Paternoster" nennt sich eine Ausstellung der Hamburger Malerin Anna-Sabine Harder, die noch bis zum 20. August im Lübecker Dom zu sehen ist.

Paternoster: Im allgemeinen denkt man bei diesem Begriff nicht an das Herrengebet, sondern eher an jenen altmodischen Vorläufer des Fahrstuhls, der in Behördenhäusern mancherorts noch sein Dasein fristet. Gebaut werden diese Elevatoren schon seit Jahren nicht mehr. Dieses Bildmotiv greift die Hamburgerin in mehreren Arbeiten auf: Menschen sind eingesperrt in den Kästen des nimmermüden Holzfahrzeuges, warten auf den Ausgang. "Gefangen - befreit" schreibt die Künstlerin in einem Fall darunter. Selbst die Darstellung eines Kreuzes erinnert bei ihr im Hauptstamm dieses Galgens aus der Römerzeit an Kästen, in denen Menschen sitzen, womöglich auf ihre Erlösung wartend.

Anna-Sabine Harder malt in dunklen Tönen, überwiegend in Schwarz. Gelegentlich setzt die Farbe Rot einen deutlichen Akzent. Ihre Bilder sind nicht gefällig, nicht geschmäcklerisch, eher fragend, anregend, in jedem Fall ehrlich. Sie setzen Gedanken frei, vollenden sich oft erst im Kopf des Betrachters. Dabei gibt es in der Auswahl für den Dom ausgesprochen "schöne Bilder". Das sind in aller Regel die Frauenportraits mit ihren sprechenden Zügen, die sogar elegant sein können.

Andere Arbeiten, in denen die flüchtende oder flüchtige Masse Mensch den Gegenstand abgibt, erinnern an große Expressionisten, etwa des norddeutschen Raumes. Aber auch Anklänge etwa an das Werk Francis Bacons sind nicht zu übersehen. Bei den aus dem Gedächtnis gemalten Porträts stehen Realitätssinn und Allegorie eng beieinander, wie neben dem Eingang die Arbeiten "Katinka und Leo" sowie "Abschied" zeigen.

Antwort auf manche Frage findet Anna-Sabine Harder offenbar in der Musik. Zweimal wird der Text von Bachs "Matthäus-Passion" als Bildunterschrift zitiert: "Mache dich mein Herze frei" und "Nun ist mein Herr zur Ruh' gebracht". In anderem Zusammenhang hat die Künstlerin Franz Schuberts "Winterreise" als künstlerisches Vorbild genannt - eine seltsam verstörende Verbindung von bildender Kunst Lind hochromantischer Musik. In Hamburg gab es bereits eine Aufführung der "Winterreise" im Rahmen einer Ausstellung mit Werken Anna-Sabine Harders.

In der hohen Weite des Domes gehen die Bilder der Künstlerin automatisch den Dialog mit der vorhandenen alten Kunst ein, und sie bestehen ihn. Das macht diese Ausstellung sehenswert.

Die Ausstellung ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet, außer bei Gottesdiensten und Amtshandlungen.

Konrad Ditrich